SECHSNULLZWEI

Fakten:

2002
Filterfolie (clear), Glas
97 x 140 x 3,5 cm



Arbeiten, Slider

Nikolaus Koliusis’ Idee, Licht zu filtern, geht auf eine Seherfahrung in der Kindheit zurück, die seine künftige künstlerische Arbeit wegweisend geprägt hat: Um 1960 eine Sonnenfinsternis unbeschadet betrachten zu können, verdunkelte der Junge im Auftrag seines Lehrers ein Fenster mit Kerzenruß.[1] Mit Licht filternder Folie, die vor allem bei der Bühnen- und Filmsetbeleuchtung eingesetzt wird, arbeitet der Künstler[2] seit den 1970er-Jahren. Koliusis zielt mit seinen Arbeiten darauf ab, Wahrnehmungsprozesse auszulösen und zu intensivieren. Er bevorzugt blaues Material, arbeitet hin und wieder mit Orange, Grün oder Gelb, selten hingegen wie hier mit farbloser Folie. Mit der Zeit hat der Künstler ein breites Spektrum an Einsatzmöglichkeiten entwickelt: Es kann in langen Bahnen, Schleifen, Schlaufen oder als »Segel« von der Decke herabhängen, in runde oder rechteckige Rahmen gespannt an die Wand oder über Eck gelehnt stehen, einzeln oder seriell an der Wand befestigt oder frei im Raum installiert sein. Viele von Koliusis’ Arbeiten strahlen große Ruhe aus,sind weniger lebhaft als die 2002 entstandene Arbeit sechsnullzwei [3], deren Eigenschaften gegensätzlicher kaum sein könnten: fragil wirkendes Material in organischen Formen ist in einen stabilen Rahmen gebannt, weich strukturierte Partien werden zu harten Linien und Kanten, gleißende Lichtreflexe stehen neben matten Zonen, durchsichtiges Material wirft grautonigen Schatten … Wie beiläufig scheint die Folie zusammengeknüllt und zwischen die Glasplatten fixiert zu sein. Die Art ihrer Faltung ist jedoch kein Zufallsergebnis, im Gegenteil, durch jahrelange Erfahrung und Übung im Umgang mit der glatten, eigenen Gesetzen folgenden Folie und ihrer Wirkung, kalkuliert Koliusis den Grad ihrer Knüllung oder Faltung. »Es geht um das Licht, um Farben, um Schatten, um das Schauen und Durchschauen, um das Davor und Dahinter, von einer verabredeten Transparenz und einer resultierenden Überlagerung« [4], – so der Künstler, dessen Strategie, die Sicht durch Folien zu versperren und das Licht zu filtern, dem Betrachter erst ermöglicht, das natürliche Licht zu erfassen. Die unruhige Oberfläche von sechsnullzwei reflektiert das Licht, wirkt dynamisch und der Schatten vermag sich je nach Standort und Beleuchtung zu verändern – einer Wolke gleich, deren instabile Form hier jedoch für die Ewigkeit festgehalten wird. Anders als bei einem Gemälde, schaut der Betrachter bei Koliusis’ Arbeit nicht ausschließlichauf deren Fläche, sondern durch sie hindurch! Wenn auch transparent, verdeckt die farblose Folie das Dahinter,verwandelt und verzerrt den Blick auf die monochrome Wand, hinterlässt auf ihr ihre Spuren und kreiert je nach Lichteinfall und -intensität ein Bild hinter dem Bild, ein Schattenspiel unterschiedlicher Grauwerte. »Ich möchte das Licht, welches sich ständig bewegt, das so schnell ist wie die Zeit, nicht etwa abbilden, sondern vielmehr möchte ich das Licht erleben, das jetzige Licht, das sich zeigt als Moment des Raums.«[5]

Dr.Katharina Henkel, Kuratorin Kunsthalle Emden

[ 1 ] Vgl. Koliusis: »Ich coache die Welt des Schauens«. Nikolaus Koliusis im Gespräch mit Helmut A. Müller, in: Nikolaus Koliusis. Ortsangabe, hrsg. von Helmut A. Müller und Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche, Ostfildern-Ruit 1999, S. 7–11, hier: S. 7.
[ 2 ] Der gebürtige Österreicher mit griechischen Vorfahren ist gelernter Fotograf.
[ 3 ] Der Titel sechsnullzwei bezeichnet die Position innerhalb des fortlaufenden Werkverzeichnisses.
[ 4 ] Koliusis zit. nach: Michael Engelhardt und Nikolaus Koliusis. »Hinter dem Hügel: Leopardis Räume«, Sonderdruck zur Konferenzreihe Eranos Jung Lectures 2012, Ascona, Monte Verità 11. bis 12.05.2012 [Drucklegung in Vorbereitung].
[ 5 ] Koliusis zit. nach: Ebd.