Hineinversetzen. Ein großformatiges Foto zeigt das Atelier des Künstlers von außen.  Wie in vielen seiner Werke legt Nikolaus Koliusis blaue Filterfolie über das Foto. Diese Folie steht meist für einen Perspektivwechsel: die Blickrichtung ändert sich durch die reflektierende Folie. Ihre Blaufärbung ist im Werk des Künstlers ein Signal für Veränderung des Sehens: Die Reflexion wird mit der bewussten Durchsicht überlagert. Die Ansicht auf das Atelier wird – gespiegelt – zur Perspektive aus dem Atelier. Damit versetzen wir uns in das Atelier und blicken: zurück auf uns selbst. Aus dem Atelier, also vom Standpunkt des Künstlers aus. JAN RINKE Kunstmuseum Stuttgart Nikolaus Koliusis Das Atelier



Arbeiten, Slider

Kunstmuseum Stuttgart Nikolaus Koliusis Das Atelier

Nikolaus Koliusis, Das Atelier, 1998, Kunstmuseum Stuttgart

„Lebens- (Arbeits-)raum, Labor, Bühne“ – das alles nicht, noch nicht einmal ein Innenraum.

Als aller erstes verlangt dieses Bild von mir die Irritation, die die Spiegelung des Museumsraumes auf der Bildverglasung und der wellenschlagenden  blauen Folie erzeugt, als Bestandteil des Bildes an zu nehmen. Sie rückt in mein Bewusstsein, dass ich in diesem, vom Alltag deutlich unterschieden Museumsraum stehe. Dieser Ort ist die Voraussetzung meines Sehens. In ihn sind die Möglichkeiten und die Begrenzungen meiner Wahrnehmung eingebettet. In fast grober Radikalität führt mir Koliusis vor Augen, dass die Chancen dieser Bildkultur zugleich die Einschränkungen meines Sehen mit sich führen- buchstäblich und metaphorische sind hier die Chancen und Einschränkungen der Reflektion ins Spiel gebracht. Mit dieser ersten Zurückweisung in den Raum meines Sehens und Denkens begegne ich dann einer zweiten Zurückweisung. Denn entgegen aller Erwartung, dass das Bild mir einen Raum – den Atelierraum öffnet, weist es mich ein zweites Mal zurück. Mein Blick fällt auf eine Wand, die im diagonalen Verlauf das gesamte Bild versperrt. Die Außenwand des Ateliers – das wiedererkennbar das Stuttgarter Atelier Nikolaus Koliusis ist – verweigert nicht nur den Blick ins Atelier, sondern schiebt meinen Blick, noch bevor ich in das Bild eindringen kann, sogleich wieder in ein Außen. Nur ein Stück Himmel oben und eine kleine Dreieckszone rechts unten eröffnet überhaupt so etwas wie eine räumliche Dimension, die ein „Hinein“ erlaubt – allerdings nur unter der Bedingung einer Verdeckung. Als mächtiger Klotz verweigert das Atelier den Blick auf die Welt und macht dann doch ein Versprechen, denn es gibt einen Einlass, eine Tür in einen Licht erfüllten Raum. Verführerisch ist es zu glauben, dass das Angebot, das Koliusis bereithält, ein Geheimnis ist, das in einer Licht erfüllten Welt verborgen liegt, zu der der Künstler als „Magier“ den Zugang besitzt. Die Ahnung einer „Weite in anderer Dimension“ ist vielleicht die Sehnsucht, die die künstlerische Arbeit Koliusis antreibt – die Chance dieser Dimension näher zu kommen, ergibt sich aber nicht aus der Möglichkeit in ein Inneres vorzudringen, sondern offensichtlich aus der Position eines Außen. So zumindest lässt sich die Zurückweisung des Blicks, die Verweigerung des Bildes lesen.  Koliusis wagt die Frage, was sehe ich, wenn ich außerhalb stehe. Wir wissen – er weiß, dass dieser Standort nicht möglich ist. Und dennoch, oder gerade wegen der Unmöglichkeit so zu fragen, zeigen uns die Bilder, zeigt uns die Entwicklung seines Oeuvres, was sichtbar wird, wenn Kunstwerke anstatt den Blick zu definieren, den Standort verschieben.

Standortverschiebung meint nicht, ein bisschen mehr rechts oder links, ein bisschen mehr oben, oder unten. Vielmehr handelt es sich dabei um eine kategoriale Verschiebung, die Raum jenseits des messbaren geometrischen Raumes qualifiziert und wahrnehmbar werden lässt. Die blaue Filterfolie, die im Atelierbild dem fotografischen Bild einen vorgelagerten Raum zwischen BetrachterIn und Bild eröffnet,  ist zum Instrument dieser Verschiebung geworden. Poetische Räume, Erinnerungsräume, Raum-Zeitzonen erschließt Nikolaus Koliusis mit diesem Instrument.

Susanne Ließegang, im Dezember 2017

Hineinversetzen.
Ein großformatiges Foto zeigt das Atelier des Künstlers von außen.  Wie in vielen seiner Werke legt Nikolaus Koliusis blaue Filterfolie über das Foto. Diese Folie steht meist für einen Perspektivwechsel: die Blickrichtung ändert sich durch die reflektierende Folie. Ihre Blaufärbung ist im Werk des Künstlers ein Signal für Veränderung des Sehens: Die Reflexion wird mit der bewussten Durchsicht überlagert. Die Ansicht auf das Atelier wird – gespiegelt – zur Perspektive aus dem Atelier. Damit versetzen wir uns in das Atelier und blicken: zurück auf uns selbst. Aus dem Atelier, also vom Standpunkt des Künstlers aus.
JAN RINKE, 29.12.17